Wittlager Kräuterkunde im Oktober: Wermutkraut


Wenn es einen Wermutstropfen gibt, dann ist einem das große oder kleine Glück schnell vergällt. Eigentlich zu Unrecht, wie die Bad Essener Kräuterfrau Christine Welzel-Leinker findet. Zwar sei das Wermutkraut an Bitterstoffen kaum zu übertreffen, aber gerade das macht es zum Glücksfall für Haus- und Reiseapotheke.

Artemisia absinthium, so der botanische Name des Wermutkrauts, wird seit der Antike als Heilpflanze verwendet, vor allem bei Appetitlosigkeit und Verdauungsbeschwerden. Zu verdanken ist diese Wirkung dem Artemisinin, einem Inhaltsstoff des Wermutkrauts, der durch Aufbrühen des Krautes als Tee, vor allem aber beim Ansetzen einer alkoholischen Tinktur wirksam wird. Zur Zubereitung dieser Tinktur gibt Christine Welzel-Leinker Blätter und Blüten des abgetrockneten frischen Wermutkrauts mit mindestens 38-prozentigem Alkohol in ein Glas, sodass alle Pflanzenteile bedeckt sind. Nach drei bis vier Wochen im geschlossenen, dem Tageslicht ausgesetzten Glas seiht sie die Tinktur ab, füllt sie in Tropfflaschen und hat sie so im Bedarfsfalle schnell zur Hand.

 

Wermut räumt den Magen auf

„Bei Übelkeit, Völlegefühl oder Magenschmerzen werden in der Literatur 20 bis 30 Tropfen empfohlen, nach meiner Erfahrung wirkt aber oft schon eine geringere Menge“, sagt die Kräuterfrau. Sie rät, zur Einnahme die Tropfen auf ein halbes Glas Wasser zu geben: „Gegen die wirklich starke Bitterkeit hilft eine Gabe auf Zucker nicht wesentlich, sondern beeinträchtigt nur die Wirkung.“ Diese aber trete im Normalfall recht schnell und befreiend ein und räume den Magen wohltuend auf.

Befreiend könne auch ein Wermut-Tee helfen, etwa wenn einem der Kopf schwirre. Auch dieser Tee solle schwach dosiert werden. Hierzu verwendet Welzel-Leinker Blätter und Blüten des getrockneten Krautes, weniger als ein Teelöffel pro Tasse sei ausreichend.

Stattliche Pflanze

Christine Welzel-Leinker hat das Wermutkraut in ihrem Heilenden Garten in Bad Essen-Eielstädt an einem sonnigen Standort. Da es in freier Natur hierzulande selten anzutreffen sei, empfiehlt sie, die Staude im gut sortierten Kräuterhandel zu kaufen. Einmal im Garten, erfreue sie alljährlich durch staatlichen Wuchs, silbriges Grün und zarte Blütenrispen, die sich von Juni bis September zeigen.

Mit Beifuß, der ebenfalls der Familie der Artemisia-Gewächse angehört und allerorten am Straßenrand zu finden ist, wird traditionell der weihnachtliche Gänsebraten gewürzt. Das hat nicht nur geschmackliche Gründe. Vielmehr regen die im Beifuß, wenn auch schwächer als in seinem Verwandten, dem Wermutkraut, enthaltenen Bitterstoffe zur Bildung von Magensaft an und unterstützen so die Verdauung der fetten Speise.

Grüne Fee

Übrigens: Was als naturmedizinische Tinktur noch so bitter schmecken kann, wird in anderer Zubereitung durchaus geschätzt. Wermut, oder auch Vermouth, ist ein Likörwein, dem Wermutkraut zur Aromatisierung beigefügt wurde. Die bekanntesten Marken sind wohl Martini und Cinzano, die als rosso (rot) oder bianco (weiß) wegen ihrer appetitanregenden Wirkung zum Aperitif oder als Bestandteil vieler Cocktails, darunter Klassiker wie Wodka-Martini oder Manhattan, genossen werden.

Der Absinth wiederum, ein Likör aus Wermut, Anis, Fenchel und anderen Kräutern, machte Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in Künstlerkreisen Furore. Der „Grünen Fee“, wie der Likör aufgrund seiner Farbe genannt wurde, sollen Dichter wie Baudelaire und Hemingway, sowie Maler wie Gauguin und Van Gogh zugesprochen haben, bis das Getränk in vielen Ländern verboten wurde. Asinth wurde nämlich nachgesagt, gesundheitsschädlich zu sein und abhängig zu machen. Verantwortlich dafür machte man seinen hohen Gehalt an Absinthol, das in höherer Dosis als Nervengift wirkt. Neuere Studien haben aber nachgewiesen, dass es nicht Absinthol, sondern schlicht Alkohol war und ist, der im Absinth in bis zu 85-prozentiger Konzentration vorliegt und damit natürlich mehr als eine unerwünschte Wirkung zeigt.